18. SEPTEMBER 2019

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Schlanke Prozesse für große Aufträge


Titel/Windenergie

produktion - Nordex verzeichnete 2008 ein weiteres Rekordjahr. Für die geforderten immer höheren Stückzahlen investiert man in die Fertigung. Das neue Rotorblattwerk soll laut Unternehmen das modernste der Welt werden.

Der Hersteller von Windanlagen hat seinen Umsatz das vierte Jahr in Folge um über 50% gesteigert und 2008 darüber hinaus eine Schallmauer durchbrochen: der Umsatz lag mit 1,136Mrd.€ erstmals über einer Milliarde. Entsprechend erfreut war auch der Vorstandsvorsitzende Thomas Richterich: »Wir haben sowohl unsere ambitionierten Wachstumsziele erreicht als auch den Abstand zum Marktführer Jahr für Jahr spürbar verringert.« Insbesondere in Europa konnte das Unternehmen seine Position deutlich ausbauen. Wie geplant, erreichte Nordex in diversen Ländern zweistellige Marktanteile, so etwa in Großbritannien (27%), Frankreich und Italien (je 16%). In Europa insgesamt zählte man mit 10% der Neuerrichtungen zu den führenden Anbietern. Gleichzeitig verzeichnete das Norderstedter Unternehmen in den neuen Volumenmärkten USA und China hohe dreistellige Zuwächse. Trotz eines voraussichtlich stagnierenden Gesamtmarkts, steht auch 2009 weiteres Wachstum auf dem Fahrplan. »Unsere Kunden zeigen ein ungebremst hohes Interesse für neue Windkraftwerke«, sagt Richterich. Aber dennoch geht auch die Finanzkrise nicht spurlos an der Branche vorbei: »Unsere Kunden stehen zunehmend vor der Herausforderung, für ihre Projekte den meistens erforderlichen Fremdkapitalanteil einzubringen, deshalb rechnen wir mit Projektverschiebungen in das Jahr 2010.« Dennoch investiert das Unternehmen in den Strukturaufbau. Einige Investitionsprojekte hat man zwar zeitlich verschoben, trotzdem sehen die Planungen vor, im laufenden Jahr erneut rund 70Mio.€ zu investieren. Im Fokus steht hier, neben dem Aus- und Aufbau der Werke in den USA und China die Weiterentwicklung der Fertigungskapazitäten in Deutschland. »Die höheren Stückzahlen lassen eine stärkere Industrialisierung zu«, sagt Dr. Marc Sielemann, der seit Anfang April die neu geschaffene Position des Vorstand Operations bei der Nordex AG begleidet. Damit ist der 41-Jährige – der zuvor langjährig in Führungspositionen im MAN-Konzern tätig war – für die Bereiche Produktion, Einkauf und Service verantwortlich. Nachdem der Ausbau der Gondelmontage verschoben wurde und man sich dort Zeit für Verbesserungen im bestehenden Werk und für Optimierungen des geplanten Fabriklayouts nimmt, steht derzeit die neue Rotorblattfertigung am Produktionsstandort Rostock im Fokus. Laut Sielemann liegt man hier im Zeitplan: »Im dritten Quartal nehmen wir unsere neue Lackieranlage in Betrieb.« Er verweist insbesondere auf die hochmoderne Gelcoat-Lackierung, die »einzigartig in der Branche ist und eine erhebliche Qualitäts- und Effizienzsteigerung gewährleistet«.

1.500 Rotorblätter pro Jahr

Laut dem Vorstand Operations schaffen die Erweiterung der Produktionsfläche und die Anpassung des Fabriklayouts die Voraussetzungen für eine moderne Fließfertigung mit einer Kapazität von rund 1.500 Rotorblättern pro Jahr. »Hiermit erreichen wir eine erhebliche Verbesserung der Energiebilanz sowie der Prozesssteuerung«, berichtet Sielemann. Der neue Gelcoat besitzt einen verbesserten Schutz vor UV-Strahlen. Dabei werden die bisherigen Handapplikationen durch einen automatisierten Prozess ersetzt, der den Aufwand pro Blatt auf 30 bis 40 Stunden reduziert. Der Robotereinsatz zum Auftragen des neuen Gelcoats ist Teil der Automatisierungsstrategie der neuen Finishhalle. Das Vakuumstrahlverfahren zur Reinigung der Blattoberfläche, das Aufspritzen des Gelcoats, die Infrarottrocknung, die Schutzlackierung sowie die abschließende Endtrocknung – fast überall sind Roboter beteiligt. Nordex rechnet mit einer Produktivitätssteigerung um das 2,5-fache. Sielemann ist sich sicher, insbesondere im Bereich Materialfluss, Arbeitsorganisation und Effizienz wesentliche Verbesserungen erzielen zu können. Bei der Blattproduktion selbst kommen neue Fertigungslinien zum Einsatz. Es stehen dann vier Formen in einer Linie. Durch die erweiterte Produktion ist man auch in der Lage, mit den NR-50 die mit einer Länge von 50m bisher größten Nordex-Rotorblätter zu bauen. Auch das Thema Qualitätssicherung spielt eine große Rolle. Seit Mitte vergangenen Jahres steht ein neues Prüflabor zur Verfügung. Die Rotorblätter werden im Fertigungsverlauf über drei Messverfahren geprüft: Veraschung, dynamische Differenzkalorimetrie (DSC) und die dynamische mechanische Analyse (DMA). Die DMA – ein Verfahren, das sonst eigentlich nur in der Luft- und Raumfahrt eingesetzt wird – bedeutet für die Windindustrie absolutes Neuland. Die Ergebnisse erlauben eine Aussage über die Elastizität der Rotorblätter. Dennoch wirft man auch hier zuerst einen Blick auf die Fertigung. »Qualität kann nicht erprüft, sondern muss erzeugt werden«, sagt Sielemann. Diese erziele man, indem man den gesamten Produktentstehungs- und Lebenszyklus mit geeigneten Methoden begleitet. Beginn ist bereits in der Produktentwicklung, setzt sich über den Einkauf und die Produktion bis hin zur Errichtung und dem Servicing fort. Mit Kunden, Versicherern oder Finanzierern habe man doch ein gemeinsames Ziel, so Sielemann: »Letztendlich geht es darum, unsere Kunden in die Lage zu versetzen sauber, billig und sicher Strom zu generieren.« (mn) <

www.nordex-online.com

Interview

»Wachsen im Fabriklayout berücksichtigen«

Dr. Marc sielemann, seit 1. April Vorstand Operations bei Nordex, zum aktuellen Markt für Windkraftanlagen und den Rationalisierungspotenzialen in der Produktion.

es: Die politischen Vorgaben lassen in den kommenden Jahren einen Boom bei Windenergieanlagen erwarten. Wie schätzen Sie die aktuelle Situation ein?

Während die Nachfrage für Windturbinen auf einem unverändert hohen Niveau liegt, hat sich das von Kreditbanken bereitgestellte Volumen zur Fremdkapitalfinanzierung der Projekte weiter reduziert. So scheinen insbesondere die Konjunkturmaßnahmen, die an einer leichteren Kreditvergabe für die Projektfinanzierung ansetzen, geeignet, die aktuellen Belastungen für den Sektor zu überwinden.

es: Wie stellt sich dies konkret für Nordex dar?

Die Prognosen der Beratungsunternehmen für 2009 sind uneinheitlich – von leichtem Wachstum bis zu rückläufiger Entwicklung. Für Nordex erwarten wir im laufenden Geschäftsjahr ein leichtes Wachstum, das bereits durch feste Verträge in unseren Kernmärkten abgesichert ist. Basierend auf der prognostizierten Belebung der Kreditvergabe rechnen wir ab 2010 mit einem starken Anziehen der Nachfrage.

es: Vor allem für die Märkte USA und China sind die Erwartungen groß.

Ja. Die neue US-amerikanische Regierung unter Barack Obama investiert im Rahmen ihres Konjunkturpakets rund 40 Milliarden US-Dollar in den Ausbau der sauberen Energiegewinnung. Diese politische Weichenstellung hat dazu geführt, dass amerikanische Energieversorger ihre Investitionen in erneuerbare Energien erhöhen wollen. Die chinesische Regierung hat ihr Ziel für den Ausbau der Windenergie auf 20 Gigawatt im Jahr 2010 erhöht.

es: Was bedeutet dies für den Bereich Fertigung?

Die höheren Stückzahlen lassen eine stärkere Industrialisierung zu. Wir müssen unsere Prozesse hierauf ausrichten und vor allem die Möglichkeit des Wachsens bereits im Fabriklayout berücksichtigen. Prozesse müssen skalierbar sein, darüber hinaus reproduzierbar, stabil und damit sicher beherrschbar. Ansonsten lässt sich das zu erwartende Wachstum nicht realisieren. Letztendlich muss auch sichergestellt werden, dass in den vorhandenen Strukturen künftige Produktgenerationen hergestellt werden können.

es: Welche Anleihen können Sie hier bei etablierten Branchen machen?

Automobilfirmen, aber auch viele andere Industriezweige wie die Luftfahrt- oder Werkzeugmaschinenbranche arbeiten sehr erfolgreich auf Basis eines Produktionssystems. Dabei handelt es sich um kein technisches System, sondern vielmehr einen Satz an Regeln – vergleichbar mit Verkehrsregeln –, die bei der Produktion befolgt werden sollen. Ziel ist es, durch Anwendung dieser Regeln Verschwendung in den Abläufen konsequent zu eliminieren und so zu schlanken Prozessen zu kommen.

es: Welche Potenziale hat hier Nordex?

Vor allem in der Logistik sehe ich Ansatzpunkte für Verbesserungen. Hier muss ein Schwenk hin zu einem klaren Pull-Prinzip stattfinden. Die ganze Supply-Chain muss ausgehend vom Kundenbedarf über die Produktion bis hin zu den Lieferanten und sogar deren Lieferanten gestaltet und synchronisiert werden. So lässt sich die Durchlaufzeit in der Produktion deutlich senken, was sich letztendlich in Form einer verbesserten Lieferfähigkeit bei niedrigeren Beständen niederschlägt.

es: Welche Rolle spielt dabei die Automatisierung?

Automatisierung spielt bei den Stückzahlen in unserer Branche aus meiner Sicht eine eher untergeordnete Rolle. Sie ist oftmals nicht nur teuer, sondern bei Veränderung hinderlich, da dies in der Regel mit einem großen Aufwand einhergeht. Automatisierung macht so nur dann Sinn, wenn sie aus Gründen der Qualität oder des zu handelnden Gewichts zwingend angezeigt ist oder wirklich massive Einsparungen bringt. Ansonsten ist und bleibt der Mensch die flexibelste Ressource. (mn)

Ausgabe:
VER 05/2009
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