SEPTEMBER
06.2010


 

Lerneffekt von Park zu Park


Markt

Ofshore - In Deutschland steckt die Technologie noch in den Kinderschuhen, nur wenige haben Erfahrung in diesem Business. Der Windparkentwickler wpd aus Bremen gehört hier mit einer eigenen Tochtergesellschaft zu den Pionieren.

Trotz Wirtschaftskrise hat sich der deutsche Markt in 2009 erholt und verzeichnet wieder einen deutlichen Aufschwung. »Die Rahmenbedingungen für die Windenergie an Land und auf hoher See haben sich durch die EEG-Novelle zum 1.1.2009 an das Weltmarktniveau angepasst. Die deutsche Windindustrie hat wieder eine solide Basis«, erklärt Hermann Albers, Präsident des Bundesverbandes WindEnergie (BWE). Nach der Statistik des Deutschen Windenergie-Instituts (DEWI) wurden in 2009 im Inland 952 Windenergieanlagen mit einer Leistung von 1.917 MW neu installiert. Das entspricht einem Zuwachs von rund 15% gegenüber dem Vorjahr. Besonders erfreut zeigte sich der Verband, dass mit 60 MW installierter Leistung vor der Nordseeküste »endlich auch der Startschuss für den deutschen Offshore-Markt gefallen ist«.

Mit diesem »Technologieschaufenster sei gewährleistet, dass die deutsche Windindustrie sowohl national als auch international vom Offshore-Geschäft verstärkt profitieren werde«.

Auch Martin Lehnhoff rechnet mit einer wachsenden Bedeutung von Offshore-Wind: »Die Anzahl der Offshore-Projekte wird sich in Deutschland in den kommenden Jahren überproportional entwickeln und zu einem bedeutsamen Faktor hinsichtlich Investitionen und Dienstleistungen werden«, prognostiziert der Geschäftsführer der wpd offshore solutions. Derzeit befinden sich zwei Projekte in deutschen Gewässern im Bau, die zusammen ein Investitionsvolumen von etwa 1,5Mrd.€ repräsentieren. Diese Zahl soll sich den aktuellen Planungen zufolge ab 2011 deutlich erhöhen. »Ab 2015 wird sich daraus auch ein Markt für unabhängige Anbieter von Inspektions-und Wartungsleistungen entwickeln«, ist sich Experte Lehnhoff sicher.

Unterschied zu Onshore gross


Schon im Jahr 2008 gründete der Windparkentwickler wpd AG für seine Beratungsaktivitäten auf hoher See das Tochterunternehmen wpd offshore solutions. Mit über 25 Mitarbeitern bietet man sämtliche Beratungsdienstleistungen an, die für den Bau von Offshore-Windparks benötigt werden. Das beginnt beim Projektmanagement, erstreckt sich über die Finanzierung sowie das Vertragsmanagement und reicht bis hin zur Überwachung der Ausführung. Dabei betritt man Neuland: »Die Errichtung von Offshore-Windparks ist kaum vergleichbar mit der von Onshore-Anlagen«, sagt Lehnhoff. Zusätzlich zu den windanlagenspezifischen Aufgaben kommen Offshore-Anforderungen hinzu, die es onshore nicht gibt, wie beispielsweise die aufwendige Installation oder die Koordination der komplexen technischen und vertraglichen Schnittstellen, was wiederum besondere Kompetenzen und Ausbildungen erfordert.

Ein entscheidender Faktor ist die – insbesondere bei Wartung und Reparaturen – durch Wind und Wellen eingeschränkte Erreichbarkeit, die eine stärker vorausschauende Planung erfordert. »Gute Logistik spielt eine noch größere Rolle als onshore, da beispielsweise je nach Zugang per Hubschrauber oder Schiff Beschränkungen gegeben sind und daher die Lagerung, Verfügbarkeit und der Transport von Komponenten, Werkzeug, Kleinteilen, Verbrauchsmaterial von großer Bedeutung sind«, sagt der Geschäftsführer.

Problem: Große Entfernung


Dies ist nach seiner Ansicht für deutsche Offshore-Windparks von noch größerer Bedeutung, da die Entfernungen zum Land bei den meisten Parks größer sind als in den benachbarten europäischen Ländern. Dies wird dazu führen, bemannte fest installierte oder schwimmende Servicestationen in den Windparks zu errichten, was wiederum ein komplett anderes Betriebskonzept erfordert als onshore. Dazu Lehnhoff: »Diese bemannten Stationen führen zu weiteren Servicedienstleistungen, da deren Einrichtungen und Infrastruktur ebenfalls unterhalten werden müssen.«
Ein weiterer großer Unterschied zu Onshore-Betriebskonzepten besteht beim Austausch von Großkomponenten.

Hierbei sind Fahrzeuge notwendig, die in etwa den Errichtungsfahrzeugen entsprechen und damit selten kurzfristig verfügbar sind. Dabei handelt es sich laut Lehnhoff allerdings um ein begrenztes Problem: »Diese Arbeiten sollten im Normalfall nur in wenigen Fällen pro Jahr und Park erforderlich sein.« Somit betrachtet er die eigene Vorhaltung derartiger Fahrzeuge pro Park zurzeit als nicht wirtschaftlich. Hier würden intelligente Lösungen erforderlich, die die Bedürfnisse dieser Komponenten-Austauscharbeiten, etwa durch das Zusammenführen von verschiedenen Parks oder Parkbetreibern zu Allianzen, bündeln.

Zu Engpässen bei windspezifischen Errichtungsschiffen kann es allerdings bei der Errichtung der zukünftigen Offshore-Parks kommen. Das liegt speziell an den Besonderheiten der deutschen Projekte und den damit verbundenen Anforderungen. Laut Lehnhoff hat der Markt dies erkannt und reagiert bereits entsprechend. »Bis allerdings ausreichend viele für diesen Zweck optimierte Errichtungsfahrzeuge zur Verfügung stehen, werden noch ein paar Jahre vergehen. Bis dahin werden wir mit dem aktuell verfügbaren Gerät arbeiten«, sagt der Windenergieexperte.

Tatsächlich ist die Gründung der Windturbinen in den deutschen Offshore-Regionen ein anspruchsvolles Thema.
Zu den großen Wassertiefen kommen bei einigen Standorten herausfordernde Baugrundverhältnisse, sowohl in der Ostsee als auch in einigen Bereichen der Nordsee. Für Lehnhoff ist die Entwicklung von alternativen Gründungskonzepten noch lange nicht abgeschlossen: »Zurzeit gibt es je nach Wassertiefe und Baugrund verschiedene Quasi-Standards.«

In seinem Team hat er einige Stahlbauexperten und Bauingenieure, die Erfahrung aus dem Bau von Offshore-Projekten in Skandinavien und Deutschland mitbringen.

Schiff oder Hubschrauber?


Neben den für die Nordsee neuartigen Lösungen wie Tripods und Schwerkraftfundamente gibt es noch einige andere Varianten, die bis jetzt sehr viel häufiger zum Einsatz kommen, wie Monopile und Jacket-Gründungen. Lehnhoff betont: »Wie bei vielen anderen Fragen im Offshore-Bereich gibt es auch in dieser Frage nicht die eine favorisierte Lösung.« Bodenverhältnisse, Wassertiefe, Turbinentyp, Wind-, Wellen- und Eisverhältnisse spielen eine wichtige Rolle bei der Auswahl des geeigneten Fundamenttyps.

Der spätere Offshore-Service lässt sich per Schiff oder Hubschrauber erledigen. Bei der wpd-Tochter hält man beide Wege für denkbar: »Es wird aus unserer Sicht keine Entweder-oder-Strategie geben, sondern eine Kombination, abhängig von den installierten Turbinen, der Entfernung vom Land und der jeweiligen Aufgabe.«

Das Team der wpd offshore solutions besteht aus Mitarbeitern, die bereits bei der Entwicklung und der Errichtung verschiedener Offshore-Windparks oder deren Komponenten beteiligt waren – etwa beim Beatrice Demonstrator Projekt (UK), Lillgrunden (SWE) oder auch bei alpha ventus sowie beim Ingenieur-Wasserbau oder im Seekabel-Anlagenbau. »Deren Expertise setzen wir gezielt bei der Projektierung weiterer Parks ein«, verspricht der Geschäftsführer. »Eine unserer Stärken ist die Kenntnis der deutschen Besonderheiten im Genehmigungs- und Zertifizierungsverfahren.«

Als Tochter der wpd-Gruppe verfügt die wpd offshore solutions zudem über ein stabiles Netzwerk. Die Firma wpd existiert seit 1996, ist inzwischen weltweit in 21 Ländern aktiv und hat bislang Windparks mit einer Gesamtleistung von zwei Gigawatt projektiert. Für Lehnhoff sind dies klare Argumente: »Als Entwickler, Bauherr und Betreiber kennen wir die verschiedenen Perspektiven der komplexen Offshore-Projekte genau.«

Baltic 1 noch 2010 am Netz


Das erste kommerzielle Offshore-Projekt, welches das junge Beratungsunternehmen in Angriff genommen hat, ist der Park Baltic 1 (siehe Infokasten). Man unterstützt hier die EnBW Erneuerbare Energien GmbH im gemeinsamen Projektteam mit Beratungsleistungen »in allen relevanten Teilprojekten«. Derzeit läuft die Produktion der Komponenten auf Hochtouren, die Offshorearbeiten beginnen in wenigen Wochen und noch in 2010 soll Baltic 1 ans Netz gehen. Darüber hinaus ist der Dienstleister im Rahmen eines Kooperationsvertrages mit der EnBW an der Planung und Umsetzung der Projekte Kriegers Flak, He Dreiht und Hohe See (bisher bekannt als Hochseewindpark Nordsee) beteiligt.

Zudem arbeitet man kontinuierlich an der Weiterentwicklung eigener Projekte. »Wir lernen mit jedem Park dazu«, sagt Lehnhoff abschließend. Eines ist ihm dabei bewusst: Das ›eine‹ gültige Errichtungs- und Operation&Maintainance-Konzept für Offshore-Parks »wird es in absehbarer Zeit nicht geben«. (mn) <

www.wpd.de,
www.enbw.de,
www.dewi.de,
www.wind-energie.de

Projekte

Deutsche Premiere

Der Energieversorger EnBW realisiert mit Baltic1 den ersten kommerziellen Offshore-Windpark Deutschlands. Baltic 1 liegt rund 16 km nördlich der Halbinsel Darß/Zingst auf einem Areal von rund 7 qm. Mit den ersten maritimen Baumaßnahmen wird in diesem Frühjahr begonnen. Die Inbetriebnahme des Windparks mit einer Gesamtleistung von 48,3 MW ist im letzten Quartal dieses Jahres geplant. Dies ist eines von vier Offshore-Projekten mit einer Gesamtleistung von rund 1.200 MW, die die EnBW im Frühjahr 2008 erworben hat. Zwei der Projekte liegen in der Ostsee, Baltic 1 und Kriegers Flak, zwei weitere sind mit He Dreiht und dem Hochseewindpark Nordsee in der Nordsee.

 

 

 

 

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