Herr Boltenburg, wie hat Ihre Erfolgsgeschichte angefangen?
Ich selber habe erst eine Lehre im Elektrohandwerk gemacht. Im Anschluss bin ich zur Luftwaffe gegangen um dort Luft- und Raumfahrt zu studieren. Nachdem ich ein alter Ratinger bin und hier viele Kontakte habe, lag der Schritt in die Selbstständigkeit nahe. Anfänglich hat sich meine Tätigkeit rein auf das Elektrohandwerk beschränkt, also auf Installation und Kundendienst. Nach und nach ist der Bereich EDV gewachsen, man wurde ja draußen immer öfter damit konfrontiert.
Entsprach diese Entwicklung Ihren Vorstellungen?
Nicht ganz. Irgendwann haben wir immer mehr Hardware verkauft. Als dann die Preise eingebrochen sind haben wir den ganzen Betrieb umgebaut und machen jetzt schwerpunktmäßig Systemintegration mit einem kleinen aber sehr exklusiven Kundenstamm. Im Laufe der Zeit haben wir uns einen Namen gemacht und sind bei vielen Kunden eine gesetzte Größe. Da muss man natürlich auch immer auf der Suche nach neuen Techniken und Technologien sein.
Sie haben ganz alleine angefangen. Wie viele Mitarbeiter haben Sie jetzt?
Ja, zu Anfang war ich ganz allein. Jetzt sind wir zu viert. Wir haben aber noch andere Geschäftsbereiche in der Boltenburg Unternehmensgruppe, die wir aus steuerlichen Gründen ausgegliedert haben. Seit ein paar Jahren sind wir auch Kabelnetzbetreiber und bieten Internetdienstleistungen an, dafür haben wir eine Lizenz von der Bundesnetzagentur. Das heißt wir haben draußen im Feld eigene Kabelnetze, arbeiten aber teilweise auch mit den Stadtwerken zusammen.
Das alles bedienen Sie mit vier Mitarbeitern?
Im Prinzip schon, hin und wieder, wenn Hand angelegt werden muss, arbeiten wir mit Aushilfen aus dem Bekanntenkreis, auch mein Vater hilft manchmal aus.
Sie haben ja studiert, trotzdem sind Sie doch eher der Praktiker, oder?
Stimmt, ich mache zwar auch Angebote, fahre aber gerne raus und übernehme Aufträge. Auch die Bauüberwachung ist mein Bereich. Meine Mitarbeiter kümmern sich eher um die Systemüberwachung am PC.
Bilden Sie eigentlich aus?
Nein, wir sind kein Ausbildungsbetrieb, wir verstehen uns als reines Ingenieurbüro.
Haben Sie dann keine Probleme an kompetente Mitarbeiter zu kommen?
Oh doch, erst vor kurzem haben wir Mitarbeiter im Bereich Systemintegration gesucht, aber leider keinen gefunden, der ausreichende Qualifikationen, zum Beispiel mit Linux hat.
Wie lösen Sie dieses Problem? Bilden Sie sich und Ihre Mitarbeiter intern weiter?
Da bleiben wir immer am Ball, machen interne und externe Schulungen und besuchen Fortbildungen. Meine Mitarbeiter beschäftigen sich auch in ihrer Freizeit mit ihrem Job. Allein mit einer Ausbildung ist es bei uns auch nicht getan. Man braucht ein paar Jahre Erfahrung mit den Produkten, die wir unseren Kunden anbieten. Es ist ja nicht so, dass ich das was ich jetzt mache auch direkt nach der Ausbildung machen hätte können. Mit dem Bereich, den wir bedienen, muss man wachsen. Zum Beispiel beschäftigen wir uns sehr intensiv mit Phaser to the home.
Um was geht es dabei?
Auch um Vernetzung – die Glasfaser wird dabei vom Elektriker direkt in die Wohnung hinein gelegt. Diese Technologie, ist schon weltweit im Einsatz, nur Deutschland hinkt noch hinterher. Das hängt mit den Monopolstellungen der großen Netzbetreiber zusammen. Wir arbeiten hier sehr eng mit einem Bauträger zusammen und erstellen offene Plattformen, die die zukünftige Eigentümergemeinschaft dann zusammen betreiben kann. Ganz aktuelles Thema ist zum Beispiel die Zähler-Fern-Ablesung, also elektronisches Smart-Metering. Auch die möchten wir über diese Netzstruktur den Usern zur Verfügung stellen. Dieses Know-how verkaufen wir. Zudem habe ich die handwerkliche Erfahrung und weiß wie das ganze auf dem Bau umzusetzen ist. Das sind die Schnittstellen, die unsere Kunden zu schätzen wissen.
Das heißt die Bauträger schauen sich heute auch nach Alternativen zu den Monopolinhabern um?
Ja, denn Monopolinhaber fahren immer auf einer Schiene, aber der Markt verlangt inzwischen nach einer Verknüpfung von vielen Produkten. Wir versuchen diesem Wunsch zu entsprechen. Wir verkaufen die Systeme nicht, sondern betreiben sie und stellen dem Kunden, also der Hausverwaltung, diese Dienste gegen Bezahlung zur Verfügung, das heißt die Infrastruktur im Gebäude gehört uns.
Sind Sie von der aktuellen Krise betroffen in diesen Bereichen?
Das ist eine gute Frage. Eigentlich nicht direkt, aber es gibt durchaus eine gewisse Zurückhaltung was neue Projekte betrifft. Wohnungen werden heute auch nicht mehr wie geschnittenes Brot verkauft. Man merkt schon, dass es zeitliche Verzögerungen gibt. Richtige Einbrüche spüren wir aber noch nicht. Dennoch versuchen wir vorzuarbeiten und neue Grundlagen für die Zukunft zu schaffen.
Was kann man in der Elektrotechnik tun um diese Entwicklung aufzufangen, was sollten Ihrer Meinung nach die nächsten Ziele sein?
Ich sehe da riesige Probleme, auf die Branche zukommen. Wir stellen immer wieder fest, dass der normale Elektrotechniker vor Ort, mit den Aufgaben die heute auf ihn zukommen und in der Zukunft noch auf ihn zukommen werden, einfach überfordert ist. In modernen Wohnanlagen wird nicht mehr einfach eine Antennen-Anlage eingebaut. Gebäude brauchen heute eine komplette Infrastruktur, eine Daten-Autobahn. Hier werden digitale Signale übertragen, wie Telefonie und schnelle Internet-Verbindungen. Der Elektromeister der vor 30 Jahren die Lehre gemacht hat, kennt die Hintergründe nicht mehr, was dazu führt, dass die Netze nicht funktionieren. Womit wir wieder beim Thema Fortbildung wären. Dasselbe gilt für Türsprechanlagen. Auch die sind heute digitalisiert. In den Gebäuden gibt es diverse PC-Schnittstellen. Hausverwaltungen wollen bei Mieterwechseln nicht zum Objekt fahren und im Keller mit dem PC hantieren um einen Namen zu ändern. Das muss digital funktionieren, vom eigenen Schreibtisch aus. Hier treten wir dann in Aktion.
Heißt das viele Innovationen können vom Handwerk gar nicht umgesetzt werden?
Genau, die Industrie hat das inzwischen erkannt und an ihren Produkten gearbeitet. Heute muss alles schlüsselfertig sein, ohne dass der Elektroinstallateur zum Beispiel Netzwerkadressen vergeben muss. Das ist eine ganz gefährliche Entwicklung, weil viele Kollegen, die sich nicht an Netzwerktechnik und Bussysteme herantrauen, auf der Strecke bleiben werden. Die freuen sich, wenn sie im Schlafzimmer eine zweite Steckdose verkaufen können und damit 30 bis 50 Euro verdienen, aber das ist nicht mehr der Weg. Bei vielen hapert es eben an der Bereitschaft, sich weiter zu entwickeln. Dabei geht es noch nicht einmal um die Lehrgangsgebühren, sondern um die verlorene Arbeitszeit.
Gibt es noch weitere krisensichere Bereiche in der Elektrotechnik?
Ein großes Thema ist auch der Blitzschutz, hier sind wir beratend für die Polizei in Nordrhein-Westfalen tätig. Leider trifft man auch in diesem Bereich beim Elektrohandwerk auf eine Kenntnis-Wüste.
Nun hat das heutige Bedürfnis nach Sicherheit, Komfort und Energieeinsparung und die damit verbundenen technischen Möglichkeiten nichts mehr mit der Elektroinstallation vor 20 Jahren zu tun. Ist es da nicht an der Zeit für ein ganz neues Berufsbild?
Ja und nein. Elektriker, die heute eine Ausbildung machen, lernen die neuen Techniken und Systeme durchaus kennen, und alte Hasen müssen versuchen am Ball zu bleiben. Die ganze Branche ist im Umbruch. Da heißt es in die Zukunft denken. Wie muss betreutes Wohnen in 15 bis 20 Jahren aussehen für eine Generation, die mit dem Internet zumindest alt geworden ist. Selbst Tiefgaragen würde ich schon heute so planen, dass man Elektroautos über Nacht „auftanken“ kann auch wenn diese Autos noch nicht in Serie auf dem Markt sind. Mitdenken ist gefragt und den Bauherren über Leistungen informieren, die er zwar erst in ein paar Jahren braucht, aber dann möglicherweise teuer nachrüsten muss.
Wie groß ist Ihr Einzugsgebiet?
Wir bewegen uns vorwiegend regional im Ruhrgebiet und im Raum Düsseldorf. Hier haben wir unseren langjährigen Kundenstamm.
Und wie kommen Sie an neue Kunden?
Überwiegend durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Wir haben einen Mitarbeiter, der ein Händchen für ein bisschen Werbung in eigener Sache hat und entsprechende Strippen zieht. Da gibt es mal einen Artikel über uns in einer Bauträgerzeitschrift, und im WDR ist sogar ein kurzer Bericht über uns im Fernsehen gelaufen. Aber wir verkaufen ja unser Know-how auf der handwerklichen Schiene. Darum ist es für mich sehr wichtig, den Kontakt mit dem Handwerk zu halten.
Was sind für Sie die wichtigsten Entwicklungen in der Elektrotechnik und was müsste noch weiter fokussiert werden?
Die Bus-Technik sehe ich als die Entwicklung schlechthin, sie ist der Weg in die Zukunft und damit geht die Netzwerktechnik einher Bus-Systeme mit KNX und natürlich das Internet und die Kommunikation sowie die Verbindung daraus. In diesem Bereich waren die letzten zehn Jahre wegweisend.
Sie haben sich vor zwei Jahren für den g+h Innovationspreis beworben. Wie sind Sie darauf aufmerksam geworden?
Aus Ihrer Zeitschrift. Ich bin schon seit zehn Jahren Abonnent, also von der ersten Stunde an. Meine Kollegen und ich haben 2007 von der Ausschreibung gelesen und beschlossen einfach mal mitzumachen.
Welche Erfahrung haben Sie mit dem mehrstufigen Verfahren gemacht?
Anfangs hatte ich noch nicht den Überblick und fand den ersten Fragebogen in der Heftbeilage etwas dürftig. Das hat sich dann schlagartig geändert, als der große Fragebogen kam und danach noch das Bauherrenschreiben. Ehrlich gesagt hatten wir uns nicht direkt etwas davon versprochen und die Sache nur nebenher verfolgt. Es war eher eine Überraschung für uns, als wir Preisträger wurden.
Wie war es danach, hat sich durch den Preis irgendwas verändert? Gab es Reaktionen?
Ja, danach haben wir das ganze Marketingpaket mitgenommen. Auch bei unseren Kunden ist der Innovationspreis ein Thema. Zum Beispiel bei Interboden, einem Bauträger, mit dem wir sehr eng zusammenarbeiten. Unser Ansprechpartner, Herr Suhl, ist ja immer in Kontakt mit Kunden, die auf der Suche nach innovativen Dienstleistern sind. Aber auch bei den Kunden im öffentlichen Dienst wurde der Titel positiv zur Kenntnis genommen, Obwohl da natürlich viel über Ausschreibungen geht, kann es nicht schaden, den guten Namen mit dieser Auszeichnung noch zu unterstreichen.
Gab es, außer in der g+h, Presseberichte zu Ihrem Erfolg?
Bei unserem Kunden Interboden erscheint das hauseigene Magazin Lebenswelten. Hier wurde ausführlich vom Innovationspreis berichtet. Für den Bauträger ist es natürlich ein guter Werbefaktor gegenüber Käufern und Investoren, wenn Partnerfirmen für ihre Innovationskraft ausgezeichnet werden. Die lokale Presse haben wir nicht mit eingebunden, denn wir haben keine Laufkundschaft, die Leser wüssten also gar nichts damit anzufangen.
Hatten Sie Kontakt zu den Mitbewerbern?
Nicht sehr intensiv, aber ein bisschen ausgetauscht haben wir uns schon.
Werden Sie sich auch an der Ausschreibung für 2010 beteiligen?
Auf jeden Fall werden wir wieder dabei sein. Im Nachhinein hat sich ja gezeigt, dass es sich lohnt einen gewissen Aufwand zu betreiben. Man muss sich schon anstrengen um dabei zu bleiben, besonders wenn im nächsten Jahr, wie angekündigt, die Latte noch höher gelegt wird. Aber wir sind gut aufgestellt und können auch mit neuen Projekten aufwarten.
Herr
Boltenburg, ganz herzlichen Dank für das Gespräch.
www.boltenburg.de
PROFIL
Die Boltenburg Unternehmensgruppe wurde 1991 gegründet und hat sich zu einem starken Dienstleistungspartner im IT- und Telekommunikationsmarkt entwickelt.
Ihr Schwerpunkt liegt heute in den Bereichen Netzwerke und Kommunikationsnetze. Dabei enden die Leistungen nicht an den Übergabepunkten, sondern nach Wunsch realisiert das Unternehmen auch den kompletten Peripheriebereich.
Mit einer flachen und flexiblen Organisationsstruktur sowie der Fähigkeit zu einer wirtschaftlichen Koordination der Erstellung bei Netzimplementierungen überzeugt Boltenburg im Bereich der Datenübertragung und der Peripheriegeräte öffentliche sowie private Auftraggeber.