Wie erfolgte der Weg vom Druckhaus zum Verlag?
U. Henrich: Es begann mit der Idee meines Mannes, die Druckerei auf ein weiteres Standbein zu stellen und mit Fachzeitschriften die Geschäftsaktivitäten zu flankieren. Die Gelegenheit dazu ergab sich 1993, als sich uns die Möglichkeit eröffnete, ein Verlagsobjekt zu erwerben.
W. Schweitzer: Wobei man einflechten muss, dass ich diese Grundüberlegung schon einige Jahre vorher hegte. Von der Idee bis zu ihrer Umsetzung dauert es ja immer einige Zeit; außerdem muss sich eine entsprechende Option ergeben.
Die Sie 1993 hatten?
W. Schweitzer: Ja, richtig. Wir konnten damals das „Fördermittel Journal“ (heute „Logistik Journal“) erwerben und somit den Grundstein für unsere Verlagsaktivitäten legen.
Sie verfügten bereits über Verlagserfahrungen?
U. Henrich: Nein, damals noch nicht. Umso dankbarer waren wir über die Unterstützung aus anderen Verlagen.
Der Wettbewerb hat Sie tatsächlich unterstützt?
W. Schweitzer: Ja, das war nicht ungewöhnlich, denn mit einem Titel wurden wir nicht wirklich ernst genommen. Das würde sich heute völlig anders darstellen.
Verfolgten Sie damals bereits die Strategie, aus diesem einen Titel heraus einmal ein größeres Verlagshaus zu schaffen?
W. Schweitzer: Nicht in dieser Größe, aber uns war bewusst, dass wir mit einem Titel buchstäblich noch keinen Staat machen konnten. Uns war auch durchaus klar, dass hier erst der Grundstein gelegt worden war, denn ein einziger Titel ist erstens kein Verlag und zweitens wäre das auch betriebswirtschaftlicher Unsinn. Andere Titel sollten den Basistitel schon bald ergänzen.
U. Henrich: Man kann nicht sagen, dass wir in jener Zeit bereits eine Strategie entwickelten, die einen turnusmäßigen Zukauf von Zeitschriftentiteln beinhaltete. Stattdessen haben wir den Markt beobachtet und nach Möglichkeiten gesucht, ein kleines Fachzeitschriftenportfolio aufzubauen.
W. Schweitzer: Und wir haben natürlich nach außen signalisiert, dass wir den Verlagsbereich vergrößern wollen. Die nächste Möglichkeit bot sich 1995, also zwei Jahre nach dem Kauf des „Fördermittel Journal“. Wir erwarben die Fachmagazine „Maschine + Werkzeug“ sowie den damals unter dem Namen „Flexible Automation“ bekannten Titel – und übernahmen auch die Mitarbeiter.
Der Verlag befand sich am Druckereistandort in Frankfurt?
U. Henrich: Nein, der erste Verlagssitz lag in Seefeld. Ursprünglich sollte der Verlag natürlich im Druckereigebäude angesiedelt sein. Das hat sich aber erübrigt, denn es war unrealistisch, dass alle Mitarbeiter nach Frankfurt ziehen würden. Deshalb haben wir entschieden, dass der Verlag dort seinen Sitz haben sollte, wo die in ihm arbeitenden Menschen ihr Zuhause hatten. Als wir aber kurz darauf das Fachmagazin „Energiespektrum“ erwarben, wurden die Räumlichkeiten in Seefeld zu klein und der Verlag zog 1998 nach Gilching, wo er auch heute noch angesiedelt ist.
Kann man mit dem Umzug nach Gilching bereits von einem Verlagshaus sprechen?
W. Schweitzer: Ganz sicher, die Mitarbeiterzahl war gegenüber Seefeld von 22 auf mittlerweile 40 gewachsen. Und kurze Zeit nach dem Ortswechsel rundeten wir das Portfolio durch den Kauf von „Bänder Bleche Rohre“ und kurz darauf von „g+h Gebäudetechnik und Handwerk“ weiter ab.
Ihr Verlag gehört zu den jungen Unternehmen. Als Sie ihn etablierten, traten Sie mit Fachverlagen in Wettbewerb, die eine breite Palette an Titeln vorweisen konnten und teilweise auf mehr als 100 Jahre Verlagsgeschichte zurückblickten. Haben Sie das als Herausforderung empfunden?
W. Schweitzer: In der Anfangsphase nicht, denn zunächst war das Verlagsgeschäft die Absicherung der Druckerei. Sowohl damals als auch heute, das müssen Sie bedenken, steht die grafische Branche unter starkem Druck. Heutzutage sieht uns die Verlagsbranche – und wir sie – als ernst zu nehmenden Wettbewerber.
Wann fand die Initialzündung statt, das Unternehmen als eigenständiges Verlagshaus zu betrachten?
W. Schweitzer: Dieser Punkt war mit dem Kauf der Magazine „Maschine + Werkzeug“ und „ Flexible Automation“ erreicht.
U. Henrich: Wenn Sie es emotional betrachten, dann war der Umzug in die Verlagsräume nach Gilching so etwas wie eine Initialzündung. Wir publizierten erfolgreich mehrere Titel und die Mitarbeiterzahl stieg. Die Erfolge des Verlagsteams beflügelten uns darin, diesen Bereich kontinuierlich weiter auszubauen und in jeder Beziehung besser und leistungsstärker aufzustellen.
W. Schweitzer: Als wir dann 2005 ein eigenes Verlagsgebäude in Gilching erwarben, markierte das den nächsten Schritt hin zu einem selbstständigen Unternehmen. Und, das ist ganz wichtig, wir sind kontinuierlich gewachsen; was die Zahl der Titel und auch der Mitarbeiter betrifft. Heute sind im Verlag 54 Menschen tätig.
Der Verlag ist durch den Kauf von Fachzeitschriften entstanden und gewachsen. 2003 brachten Sie mit „:K“ den ersten eigenen Titel auf den Markt. Warum wurden Sie Ihrer Strategie durch Zukäufe zu wachsen, untreu?
W. Schweitzer: Wir waren schon lange der Überzeugung, dass ein Konstruktionstitel unser Verlagsprogramm bestens ergänzen würde. Bezahlbare Titel gab es in dieser Zeit aber nicht zu kaufen.
U. Henrich: Nach einer Marktanalyse waren wir sicher, dass hier noch Platz für einen neuen Titel wäre. Damit gingen wir durchaus ein wirtschaftliches Risiko ein. Aber Unternehmer wird man, um etwas zu unternehmen, also auch um Risiken zu wagen.
Nur so können nachhaltig Fortschritte erzielt werden. Diese Erkenntnis ist auf andere Lebensbereiche übertragbar.
Der Printmedienbereich ist in vielerlei Hinsicht unter Druck. Hat er angesichts der einrucksvollen Entwicklung des Internets dennoch eine Zukunft?
U. Henrich: Die Bedeutung des Printprodukts wird zurückgehen, daran habe ich keine Zweifel. Das Printmedium wird aber weiterhin erfolgreich auf dem Markt bleiben; allerdings unter anderen Bedingungen.
Welche wären das?
U. Henrich: Priorität hat die Qualität, das Lesevergnügen, der optische und haptische Eindruck. Wer hier eine Top-Leistung bietet, hat auch im Printbereich nach wie vor beste Chancen. Dem Leser muss es Freude bereiten, die Zeitschrift in die Hand zu nehmen, sie anzuschauen; und natürlich muss sie ihn, vor allem im Fachzeitschriftenbereich, in seinem Beruf und bei seinen täglichen Aufgabenstellungen unterstützen. Ramschware wird verschwinden.
W. Schweitzer: Printmedien müssen in jeder Beziehung eine hohe Wertigkeit aufweisen und Tiefe in der Information bieten. Der schnelle Transfer von kurzen Nachrichten wird bereits heute erfolgreich über das Internet geboten. Interessant ist der Mix aus Print und Internet.
Mit welchen Prioritäten?
U. Henrich: Mittelfristig sicherlich mit der Priorität Print. Wie anders können Sie sonst die Informationen im Internet finden? Google allein reicht dazu nicht aus. Und wenn Sie keine Navigationshilfe im Internet haben, dann weckt die Geschwindigkeit der Informationsbeschaffung via Netz wenige Begeisterungsstürme, weil Sie endlos suchen müssen. Das Printmedium ist eine Art Handbuch oder Handlungsanweisung für das Internet.
W. Schweitzer: Außerdem benötigt man das Printprodukt als Marke. Mit dieser Marke ist es möglich, ein breites Angebot weiterer Kommunikationsebenen zu erschließen.
Sie investieren im Vergleich zu anderen Verlagen sehr viel in den Bereich Weiterbildung, warum?
U. Henrich: Kontinuierliche Weiterbildung verlangen allein schon die sich immer rascher verändernden Arbeitswelten.
W. Schweitzer: Hinzu kommt, dass Sie nur mit sehr gut ausgebildeten und motivierten Mitarbeitern erfolgreich sein können. Unternehmerischen Erfolg erzielen Sie nicht mit Geld und Technik, sondern mit Menschen, die sich mit dem Unternehmen und seinen Zielen identifizieren, für die das Unternehmen zu einem Teil ihres Lebens wird.
Am Ende der Weiterbildung steht die Verbesserung der Magazine?
W. Schweitzer: Das ist unser Ziel, denn wir investieren nicht nur in die Weiterbildung um der Bildung als Selbstzweck willen, sondern um unser Leistungsangebot zu verbessern. Und dazu zählt neben der Entwicklung neuer Titel auch die Verbesserung des bestehenden Medienangebots.
Haben Sie ein Beispiel?
W. Schweitzer: Zahlreiche Beispiele. Mit unserem Konstruktionstitel „:K“ sind wir in vielerlei Hinsicht neue Wege gegangen. Zuerst haben wir das A4-Format verlassen und gegen ein Überformat getauscht. Mit der Heftgröße werden dem Layout völlig neue Darstellungsformen eröffnet.
Grundüberlegung für diesen Schritt waren Recherchen moderner Lesegewohnheiten in der Bevölkerung. Dabei gibt es übrigens kaum einen signifikanten Unterschied zwischen Fachmedien und Publikumspresse. Auf diese Lesegewohnheiten haben wir reagiert und die journalistischen Formate darauf ausgerichtet.
U. Henrich: Die „:K“ war und ist mit ihrem Konzept so erfolgreich, dass wir sukzessive alle Titel relauncht haben.
Alle Titel nach einem Muster, kann das denn erfolgreich sein?
U. Henrich: Sicher nicht; aber wir haben die Formate der „:K“ auch nicht 1:1 auf die anderen Titel übertragen. Jedes Redaktionsteam hat ein individuelles, auf seine Zielgruppen zugeschnittenes Konzept realisiert und natürlich den Anspruch, journalistische und layouttechnische Spitzenleistungen zu erbringen.
Wo wird Henrich Publikationen in zehn Jahren stehen?
W. Schweitzer: Für mich soll unser Unternehmen weiter zu einem feinen, noblen Verlagshaus reifen, das alle technischen Möglichkeiten ausschöpft. Unter fein verstehe ich feinsinnig, feinfühlig – nach außen und innen.
Der Name Henrich steht auch für mehr als 100 Jahre Druckkunst. Beeinflusst das Ihre Qualitätsansprüche im Printbereich?
U. Henrich: Davon können Sie ausgehen. Als Drucker haben Sie ein anderes Gefühl für Papier- und Druckqualität. Wenn Sie sich in Ihrem Berufsleben täglich mit Gestaltungsfragen und der Produktion von Zeitschriften, Broschüren oder Büchern beschäftigen, dann werden sie sensibel.
W. Schweitzer: Das gilt zumindest für unser Haus, denn wir haben ausgesprochen hohe Ansprüche an die Qualität.
Jedes Unternehmen hat seine Philosophie. Würden Sie uns Ihr unternehmerisches Selbstverständnis in drei Sätzen charakterisieren?
W. Schweitzer: Gern, unser Unternehmen sehe ich aus der Perspektive eines Bildhauers, der demütig und beharrlich über einen sehr langen Zeitraum hinweg aus einem Stein immer mehr an ästhetischen Formen herausmeißelt, sich daran erfreut, aber niemals zum Abschluss kommt. Es geht also im Kern ganz eindeutig darum, etwas im Leben verantwortlich zu gestalten, woran man Freude hat und ganz besonders dann, wenn sich eine liebevolle und von gegenseitigem Respekt getragene Unternehmenskultur entwickelt.
U. Henrich: Das Schicksal hat mich in eine Unternehmerfamilie hineingeboren. Meine vornehmliche Aufgabe sehe ich darin, die Talente, die mir in meiner Eigenschaft als Unternehmerin geschenkt wurden, möglichst zu mehren und dann auch weiterzugeben. Dieser Verantwortung stelle ich mich ebenso wie der sozialen Verantwortung gegenüber unseren Mitarbeitern.
Ich bedanke mich ganz herzlich für das Gespräch mit Ihnen.
www.verlag-henrich.de