Die Stadtsparkasse Hannover erhält 3 DM/kWh von ihrem Stromversorger. Nein, das ist kein Marketing-Gag im liberalisierten Energiemarkt. Das Kreditinstitut erhält das Geld nicht für bezogene Energie, sondern für Leistung, auf die es kurzfristig verzichtet. Bei dem von der Stadtwerke Hannover AG Synchrones Lastmanagement genannten Angebot gibt es drei Gewinner: Es senkt bei Sondervertragskunden die Energiekosten, der Stromversorger spart und die Umwelt profitiert.
In Hannover nutzen einige Kunden mit Produktionsanlagen oder Verwaltungsgebäuden das Angebot. Für das Synchrone Lastmanagement der Stadtwerke Hannover AG haben sich neben der Stadtsparkasse Hannover zum Beispiel das Verlagshaus Madsak, die mit der Wartung von Flugzeugturbinen befasste MTU Maintenance Hannover GmbH und der Batteriehersteller Varta entschieden.
Wie funktioniert es? Treten im Netzgebiet der Stadtwerke Hannover besondere Lastspitzen auf, erlauben die Kunden ihrem Versorger, bestimmte Anlagen kurz abzuschalten, es findet ein so genannter Lastabwurf statt. Hierfür erhalten sie Geld, und die Stadtwerke Hannover müssen keinen teuren Spitzenstrom einsetzen.
Sondervertragskunden der Stadtwerke Hannover können hierfür seit 1997 zum Beispiel das Angebot des Synchronen Lastmanagements (SLM) nutzen. Es besteht aus zwei Teilen: Mit einer genauen Analyse des Energieeinsatzes beim Kunden beginnt die Zusammenarbeit. Hierbei untersuchen Fachleute der Stadtwerke Hannover nicht nur die Lastabwurf-Potenziale beim Kunden. Auch Einsparmöglichkeiten werden ermittelt. Zum Beispiel können häufig Stand-by-Verbräuche von Druckern oder Computern vermieden werden.
Durch die Einspar-Vorschläge hat der Kunde einen sofort nutzbaren Vorteil. Die Dividende der Lastabwürfe kann er einfahren, nachdem er einen Vertrag zum SLM mit den Stadtwerken Hannover abgeschlossen hat. In diesem Vertrag werden die Rahmenbedingungen eines Lastabwurfs genau festgelegt. Der Kunde verpflichtet sich jedoch nicht, auf Anforderung der Stadtwerke auch tatsächlich Anlagen abzuschalten. Er kann jeweils frei entscheiden, ob er kurzzeitig auf Energie verzichten will oder nicht.
Im zweiten Teil bauen die Stadtwerke an den erforderlichen Stellen die zur Erfassung der Lastabwürfe notwendige Mess- und Leittechnik ein. Auf ein Rundsteuersignal der Stadtwerke Hannover hin erfolgen die automatischen Lastabwürfe bei den Kunden - sofern der Kunde sich zum Beispiel aus produktionstechnischen Gründen nicht gegen den Lastabwurf ausspricht.
Beim Verwaltungsgebäude der Stadtsparkasse Hannover beträgt die maximale Abwurfleistung 1 MW. Die Lüftungs- und Klimaanlage trägt mit 90 % den Großteil dazu bei.
Industrieanlagen lassen sich schwerer in das SLM einbinden, da heute kein Produzent mehr eine Verzögerung beim primären Herstellungsprozess hinnehmen kann. Nur sekundäre Bereiche werden in das SLM einbezogen. Daher können die Stadtwerke Hannover insgesamt 8,5 MW in Produktionsbetrieben und 2,5 MW in Verwaltungsgebäuden abschalten. Dieses Potenzial wird weiter ausgebaut.
Neben Klima- und Lüftungsanlagen bieten hausinterne Kantinen und die Datenverarbeitung häufig leicht zu nutzende Möglichkeiten. Kühlräume können zum Beispiel kurzzeitig vom Netz genommen werden, ebenso Geschirrspülmaschinen in Großküchen. Die USV-Anlagen, die für die unterbrechungsfreie Stromversorgung zum Beispiel der Großrechner sorgen, stellen ebenfalls ein Lastabwurf-Potenzial dar: Die Anlagen werden üblicherweise nur bei Versorgungsstörungen eingesetzt. Allerdings ist mit regelmäßigen Tests die Einsatzbereitschaft zu überprüfen. Legt man die Prüfzeiten nun in Zeiträume, in denen der Stromversorger eine besonders hohe Stromabnahme im Versorgungsgebiet hat, verringert sich der Bezug des Kunden mit der USV-Anlage. Hierdurch werden Lastspitzen vermieden.
SLM ist für die Stadtwerke Hannover eine Möglichkeit, den Einkauf von Spitzenstrom beim Vorlieferanten zu vermeiden, beziehungsweise die Kosten zu senken. Wir geben das Geld lieber unseren Kunden, als dem Vorlieferanten, erläutert Projektleiter Matthias Röhrig einen Grund für das Projekt. Aber das SLM wirkt sich auch positiv auf das Verhältnis zwischen Energieversorger und Kunden aus. Einerseits ist es natürlich ein Instrument, das die Kundenbindung erhöht - doch die enge Zusammenarbeit hat auch Vorteile für den Kunden: Der Versorger lernt die Bedürfnisse des Kunden besser kennen. Er kann dadurch zielgerichteter handeln und kundenorientierter arbeiten. Durch das Durchleuchten der Energieverbrauchsstruktur, kann das Versorgungsunternehmen den Kunden detaillierte Hinweise auf Energiesparmaßnahmen geben. Auch erfährt der Kunde, was er von seinem Versorger erwarten kann und bei welchen Aufgabenstellungen er kompetente Unterstützung erhält.
Jens Voshage ist Journalist in Hannover